Verluste mit Zertifikaten durch die Corona-Krise – Haften Banken wegen fehlerhafter Anlageberatung?

Die Corona-Pandemie führte jüngst zu einem Absturz der Finanzmärkte. Vielen Anlegern in Deutschland drohen daraus ernsthafte Verluste. Das betrifft insbesondere Geldanlagen in Investment-Zertifikate (z.B. „Aktienanleihen“, „Express-Zertifikate“, „Airbag-Zertifikate“ oder „Zinsdifferenz-Anleihen“).

Gerade von Seiten der Sparkassen und Genossenschaftsbanken wurden in jüngerer Zeit vielfach Zertifikate in ihren Filialen an Kunden verkauft. Emittenten der Zertifikate waren hierbei häufig die Deka-Gruppe bzw. die DZ Bank. Einige Zertifikate gerieten aufgrund der fallenden Börsenkurse im Jahr 2020 erheblich unter Druck. Der Wirtschaftsblogger Christian Kirchner nennt hierzu in einem Beitrag exemplarisch folgende Zertifikate:

  • „Aktienanleihe“ auf die Lufthansa-Aktie, emittiert im April 2019 mit 10% Zinskupon.
  • „Express-Zertifikat Memory mit Airbag 06/2025 bezogen auf den Euro Stoxx 50″
  • „Express Zertifikat Plus auf den Euro Stoxx 50“:
  • „BASF Express-Zertifikat Relax 06/2025“
  • “DekaBank Zinsdifferenz-Anleihe” mit Zielzins 04/2034

Was zeichnet Zertifikate aus?

Bei Zertifikaten handelt es sich letztlich um Schuldverschreibungen. Der Anleger gewährt also dem Herausgeber faktisch einen Kredit und erwirbt keine Unternehmensanteile oder Aktionärsrechte.

Die Rückzahlung des angelegten Betrags ist dagegen abhängig von der Preisentwicklung eines anderen Wertes (z.B. einer Aktie oder einem Rohstoffpreis). Man spricht daher auch von einem Finanzinstrument mit derivativem Charakter.

Zertifikate sind letztlich komplexe Finanzinstrumente, mit denen auf eine bestimmte Marktentwicklung gewettet wird. Es gibt unterschiedlichste Zertifikate, deren Eigenschaften von den Emittenten letztlich frei ausgestaltet werden können. Das Marktangebot ist dementsprechend unübersichtlich. Für unerfahrene Anleger ist die Funktionsweise eines Zertifikats in der Regel schwer verständlich.

Welche Risiken gibt es bei Zertifikaten?

Aufgrund ihrer Komplexität sind Zertifikate nur für erfahrene Anleger geeignet. Diese Auffassung vertritt auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Zertifikate weisen zum Beispiel folgende Risiken auf:

  • Emittentenrisiko (das Risiko, dass der Emittent / Herausgeber des Zertifikats insolvent wird)
  • Bonitätsrisiko (das Risiko, dass der Referenzschuldner insolvent wird)
  • Kursänderungsrisiko
  • Zinsausfallrisiko

Ein weiterer Nachteil gegenüber anderen Finanzinstrumenten wie z.B. Aktien oder Investmentfonds ist, dass für Zertifikate meist kein Börsenhandel bzw. Zweitmarkt existiert. Der Anleger bekommt das Zertifikat also nur zu dem Preis, welchen der Emittent bestimmt.

Warum werden Zertifikate überhaupt von Banken / Sparkassen vertrieben?

Der Vertrieb von Zertifikaten ist aus wirtschaftlicher Sicht eines Bankberaters durchaus attraktiv. Denn Zertifikate weisen eine von vornherein festgelegte, begrenzte Laufzeit auf. Es ergibt sich somit regelmäßig Anlass für ein neues Beratungsgespräch, wenn das vorher empfohlene Zertifikat ausläuft (ähnlich wie beim PKW-Leasing).

Für die Bank sind Zertifikate zunächst risikolos, weil sie den Emissionspreis zu Beginn vollständig vereinnahmen. Der Kunde trägt dagegen die Risiken des jeweiligen Produkts.

Haften Banken für die Verluste aus Zertifikaten nach dem Corona-Crash?

Zwar wurden mit der Umsetzung der zweiten europäischen Finanzmarktrichtlinie (MiFID II) detaillierte Vorgaben für die Beratung und den Vertrieb von Finanzinstrumenten gemacht, welche dem Anlegerschutz dienen sollen. Gleichwohl kann im Einzelfall nicht ausgeschlossen werden, dass beim Verkauf von Zertifikaten Beratungsfehler gemacht wurden. Banken bzw. deren Anlageberater müssen das Gebot der anleger- und objektgerechten Beratung beachten (siehe auch diesen Beitrag hier). Wird dagegen bei der Beratung verstoßen, haben Anleger einen Anspruch auf Schadensersatz, d.h. heißt sie können die Zertifikate an die Bank zurückgeben und erhalten die vollen Investitionskosten zurück.

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